
Der Goldschatz auf dem Acker
Das Beste kommt von selbst. Marko Seibold muss es nur entdecken und aufsammeln. Auf seinem Pachtgrund südlich von Bremen wachsen wilde Kräuter und Gemüse vom Feinsten.
Er sät nicht und erntet doch. Die Natur selbst beschert ihm seinen Schatz frei Haus – wenn er sie in Ruhe lässt. Zu den wichtigsten Eigenschaften des Gärtners gehören deshalb ein unerschütterliches Vertrauen in die Natur und daraus resultierend eine große Gelassenheit. Was immer auf seinem Acker passiert, Marko Seibold ist fest davon überzeugt – und die vergangenen 20 Jahren geben ihm recht –, dass das alles seinen Sinn hat und dass er am besten damit fährt, nicht einzugreifen. Die Mäuse durchlöchern wie in diesem Winter seinen Boden und fressen sich an den feinen Wurzeln seiner Pflanzen satt? Na gut, lustig ist das nicht, aber so wird der Boden auf natürliche Weise aufgelockert, und die kleinen Nager mit Chemie zu vertreiben, käme Seibold nie in den Sinn. Lieber lässt er am Feldrand das Unterholz stehen, in dem sich das Mauswiesel verstecken kann, das sich seinerseits den Bauch mit Mäusen vollschlägt. Seit die Mäuse regieren, beobachtet er auch immer mehr Rote Falken in der Luft. Sogar einen Uhu hat er nachts schon gehört und ist sich sicher, dass die Mäuseplage auch von selbst wieder ein Ende finden wird. Die Natur kommt von selbst wieder ins Gleichgewicht, so seine Erfahrung, und das gilt insbesondere für seinen Acker.
Der neugierige Gärtner
Vor etwas über 20 Jahren hat es Seibold, der von der Schwäbischen Alb stammt, was man noch immer deutlich hört, und seine Frau hierher nach Syke verschlagen. Die Landschaft ist eine hügelige Idylle und Seibold, der einst Kommunikationselektroniker gelernt und nach seinem Zivildienst eine sonderpädagogische Zusatzausbildung gemacht hat und schließlich Gärtner geworden ist, war auf der Suche nach einer Aufgabe. Auf dem kleinen Hof, den das Paar bezog, begannen sie mit der Betreuung körperlich oder geistig eingeschränkter Kinder und Jugendlicher und begannen zu schauen, was man aus dem umgebenden Land noch machen könnte. Sie legten sich Hühner und Schafe zu und Marko Seibold entdeckte oberhalb des Hofs einen Acker, den er pachten konnte. Zu klein für Landwirtschaft, aber groß genug für einen neugierigen Gärtner, der „sehen wollte, was passiert, wenn ich gar nichts mache. Dann habe ich gemerkt, das ist ja lustig, was da alles kommt. Das sind ja wieder Wildpflanzen! Und ich habe mich gefragt: Wie schmecken die?“
Die Natur nutzt jeden Quadratzentimeter
Heute, fast 25 Jahre später, kann er auf jedem Quadratmeter sehen, was passiert ist. Der Boden ist übersät von kleinen Pflänzchen. Wenn Seibold sich bückt, sieht er Postelein und Grabenkresse, Ackerkerbel und Giersch, ein leuchtendes Ackerstiefmütterchen, Gundermann, Gewürzfenchel, Hornkraut und Hirtentäschel. Immer wieder findet Seibold etwas Neues: „Kriegst halt immer wieder was geschenkt von der Natur. Das ist ja das Schöne. Da stehen auf dem Quadratmeter tausend Pflanzen. Die Natur nutzt halt jeden Quadratzentimeter.“ Nur ab und zu hat er in all den Jahren etwas gepflanzt, Heckenzwiebeln oder Rhabarber etwa, aber dann lässt er die Pflanzen in Ruhe und sieht zu, was sie aus ihrer neuen Freiheit machen.
Mit seinem Taschenmesser schneidet er feine Blätter ab und lädt zur Verkostung. Was für Geschmackswelten sich da offenbaren: ein Schnittlauch, so vielschichtig und elegant, wie man ihn noch nie gegessen hat, eine Minze, aus der Kölnisch Wasser gemacht wird, eine süßliche Zaunerbse, ein Kraut, das intensiv an Anis erinnert, ein wilder Sauerampfer, Senfkohl oder ein kleines Blatt eines Helgoländer Wildkohls, das herzhaft frisch und so gar nicht nach dumpfem Kohl schmeckt. Hier hat sich Schafgarbe ausgesät („Hat ein wirklich schönes Geschmäckchen.“), dort fühlt sich im Schutz des Wildspargels der Storchschnabel wohl. Von den wilden Keimlingen wie Ackerkerbel oder Waldsauerklee ordern manche Sterne-Köche bis zu 10.000 Stück im Monat.
„Ich wollte sehen, was passiert, wenn ich gar nichts mache. Was kommt da nach und nach? Wie schmeckt denn das?“
Blatt für Blatt von Hand geerntet
Alles darf wachsen, wo es will. Wie es das auch auf den meisten anderen Äckern tun würde, wenn man die Pflanzen nur in Ruhe ließe – und wenn es sein muss 20 Jahre. Seibold: „Die Natur ist ja so, dass die im Endeffekt überall Fuß fasst. Die muss halt dann mal machen dürfen.“ Eine Ausnahme gibt es: „Wenn das Gras zu hoch wird, zäunen wir den Bereich ab und schicken unsere Schafe drauf“, erzählt Seibold. „Wir haben ein gutes Dutzend Ostfriesische Milchschafe, die wir auch – aber erst mit eineinhalb Jahren – schlachten. Unsere Schafe sind braun gefleckt, dann sind sie auch für den Wolf in der Dämmerung schlechter zu erkennen.“
Die Köche reißen sich um Seibolds Kräuter, die er in Packungen ab 50 Blatt per Express versendet, um Kerbelrübchen und Nachtkerzenwurzeln. „Ich schicke immer wieder neue Proben raus und manche Küchenchefs rufen gleich an: ‚Das ist ja genial‘ und bestellen sofort und experimentieren damit.“ Manche Restaurants nehmen 20.000 Blatt pro Woche ab.
Die muss Seibold zusammen mit einem Gärtner, einer studentischen Hilfskraft und einem weiteren Helfer alle von Hand und mit größter Sorgfalt Blatt für Blatt auswählen und ernten – auch im Winter. Manche Kunden machen sogar Vorgaben, wie groß ein Blatt maximal sein darf. Das Schneiden kann eine Kunst sein: Das säuerlich schmeckende Weideröschen schneidet Seibold unten ein, so entsteht eine kleine, dekorative Rosette. Köche lieben so etwas.
Text: Peter Würth Photos: Ricardo Wiesinger









