Im richtigen Licht

Wenn jemand um die Wirkung von Licht weiß, dann Ulrike Brandi. Die Hamburger Lichtplanerin hat schon zahlreiche internationale Projekte realisiert. Hier sagt sie, wie Sie Ihre Küche ins rechte Licht setzen. 

Knackig grünes Gemüse, saftig rote Toma­ten, silbrig glänzender Fisch – das Auge isst mit, heißt es. Wirklich frische Lebensmittel sehen auch auf Arbeitsplatte oder Küchen­insel appetitlich aus, vorausgesetzt, das Licht am Küchenarbeitsplatz stimmt. Bei falscher Beleuchtung werden die Farben undefiniert und matschig, kann man feine Gräten schlecht erkennen, macht man sich selbst Schatten oder jeglicher Küchenzauber verfliegt im grellen Neonlicht. Die richtige Beleuchtung in der Küche ist eine – mit­unter vernachlässigte – Kunst.

Deshalb hat WORK eine der weltweit wichtigsten und erfahrensten Lichtplaner:innen gefragt, wie man das perfekte Licht in die Küche bringt: die Hamburgerin Ulrike Brandi.

 

WORK: Ulrike Brandi, worauf kommt es beim richtigen Licht in der Küche an?

BRANDI: Die erste und wichtigste Frage lautet: Wo ist das Fenster, wo kommt das Tageslicht her? Dort würde ich immer die Arbeitsfläche anordnen. Eventuell auch noch den kleinen Frühstückstisch für mor­gens zu zweit. Diese beiden Elemente soll­ten so nah wie möglich an das Tageslicht rücken. Dann hat man beim Arbeiten in der Küche und auch wenn man am Frühstücks­tisch sitzt, immer einen – hoffentlich auch schönen – Blick nach draußen.

Das Tageslicht ist für Sie immer die Basis?

Ja, jedes Lichtkonzept beginnt mit dem Raum und seiner Lage zum Tageslicht. Mit Glück werden wir von den Architekten schon früh mit einbezogen und der Bauherr sagt, ich will auch eine Tageslichtplanung. Dann können wir Einfluss nehmen. Ich habe es schon erlebt, dass ein Architekt tatsäch­lich die Lage eines Restaurants in einem Hotel in seinem Grundriss noch einmal ge­wechselt hat. Er wollte das Restaurant nach Osten hin ausrichten und ich habe ihn darauf hingewiesen, dass die Frühstücksgäste sich da nicht sehr lange aufhalten. Aber nach Westen, wo man den Sonnenuntergang sieht, das ist die prädestinierte Richtung für ein Restaurant. Ich fand es klasse, dass er das Argument aufgenommen hat.

„Man muss beachten, dass das Licht variabel ist. Wichtig ist: Schaff dir das Licht dahin, wo du es tatsächlich brauchst.“

Ulrike Brandi, Licht-Expertin

Und das Prinzip gilt auch für private Häuser und Wohnungen?

Aber klar. Ich rate allen privaten Bau­herren, solange sie noch an den Plänen sit­zen: Macht euch frühzeitig Gedanken ums Licht. Denn Licht heißt nicht, hier oder da eine Leuchte hinzustellen. Geht erst mal vom Tageslicht aus. Wie verhält sich das Tageslicht im Raum? Wie tief fällt es in den Raum? Welche Stimmung kriege ich da rein? Für manche Stellen gilt auch: Wo muss ich das Tageslicht ausblenden, weil es vielleicht zu viel wird? Aber auch da gibt es ja gute Möglichkeiten. Es ist erstaunlich, wie durch den Klimawandel Schatten auch hier im Norden jetzt einen Wert bekommt.

Welche Vorteile hat Tageslicht, man könnte ja auch mit guten Leuchten immer optima­les Licht erzeugen?

Tageslicht bringt einfach ganz viel At­mosphäre und ist eben auch eine Orientie­rung. Das Schlimme am Leben in fenster­losen Räumen ist, dass wir den Bezug zur Zeit verlieren. Und es gibt natürlich auch den gesundheitlichen Aspekt, dass wir in Innenräumen nie genug Tageslicht bekommen – und mit Kunstlicht schon gar nicht. Tageslicht ist nicht nur für die Psyche wichtig, sondern auch für guten Schlaf. Untersuchungen in Krankenhäusern zeigen: Wenn man versucht, Tageslicht zu simulieren, werden Menschen tatsächlich schneller gesund und brauchen weniger Medikamente.

Nun hat nicht jeder große Fenster in der Küche oder kann sich den idealen Raum aussuchen. An was muss man denken, wenn man sich mit Licht in der Küche beschäftigt?

Wir benutzen unsere Küchen zu den unterschiedlichsten Zeiten: bei strahlen­dem Sonnenschein, an grauen Novem­bertagen und abends, wenn die Fenster im Grunde schwarz sind und man kaum noch einen Ausblick hat. Da kann übrigens eine ganz dezente, zarte Beleuchtung im Garten den Raum vom Gefühl her noch mal deutlich erweitern. Mit diesen verschiede­nen Tageslichtsituationen gehen Wünsche und Bedürfnisse nach unterschiedlichem Licht einher. Das meiste Licht braucht der graue Novembertag. Durch indirektes Licht mit höheren Farbtemperaturen, so um die 4.000 Kelvin, das im Wohnbereich an die Decke geworfen wird, wirkt der Raum höher, je nach Geschmack. Bei Sonnen­schein brauche ich mein Licht vor allem auf der Arbeitsfläche, wenn sie nicht direkt am Fenster ist. Dann habe ich die extreme Abendsituation, in der nur noch Kunst­licht wirksam ist. Wenn ich in der Küche arbeite, möchte ich die Arbeitsfläche gut ausgeleuchtet haben. Deshalb platziere ich darüber gerne ein gerichtetes Licht, das mich – ganz wichtig – nicht blendet. Über dem Esstisch setze ich gerne noch einen niedrigen Lichtpunkt, also eine Pendel­leuchte, die relativ nah über der Tischflä­che, aber mir nicht im Wege ist. Bei Kerzen finde ich es oft problematisch, wenn der Lichtpunkt zu hoch ist und mich dabei stört, mein Gegenüber zu sehen. Dabei sind Kerzen eigentlich so gemütlich. Kerzen können zum Beispiel auch sehr schön auf einem Sideboard sein. Das Wunderbare ist ja, dass die Flamme sich bewegt und diese Bewegung noch mal auf die Wand wirkt.

Kommen wir erneut zur Lichtpunkthöhe ...

Ich kann natürlich mit einem Down­light von der Decke auf meinen Esstisch herunterstrahlen und dort so eine Licht­insel schaffen. Aber wenn das Licht aus dem niedrigeren Punkt einer Pendelleuchte herkommt, ist es einfach noch mal gemüt­licher. Und es ist atmosphärisch ganz wich­tig, noch ein paar andere Lichtpunkte im Raum zu haben. Das können Wandleuchten oder auch so eine kleine Arbeitsplatzbe­leuchtung sein, weil man dann nicht nur um diesen hellen Bereich herumsitzt, son­dern im Rücken oder hinter dem Gegen­über den Raum erfasst. Es ist nicht alles rundherum dunkel. So kann man sich ein bisschen im Raum orientieren und verste­hen, dass der nicht endlos weit ist, sondern irgendwo seine Begrenzung hat. Dann fühlt man sich geborgen und sicher.

„Man nimmt Licht unterbewusst wahr, weil es uns überall umgibt und wir es als Selbstverständlichkeit sehen. “

Ulrike Brandi

Haben Sie in „gemütlichen“ Restaurants nicht auch öfter das Gefühl, dass es zu dunkel ist?

Oh doch, das ist dann zwar sehr atmo­sphärisch, aber wenn ich esse, möchte ich wissen, was ich esse und wie das aus­sieht. Ich möchte die Farben erkennen. Wenn ich die Speisekarte nicht lesen kann, fühle ich mich als etwas ältere Person diskriminiert. Ab 40 geht es ja spätestens los, dass man mehr Licht braucht, um gut sehen zu können. Oft gibt es auch so ein allgemeines Schummerlicht, aber das ist nicht unbedingt gemütlich. Oder die Licht­insel ist viel zu klein. Die soll schon den Tisch ausfüllen und den Platz, an dem ich die Speisekarte halte oder meinen Teller habe. Und man muss – das gilt natürlich auch für zu Hause – beachten, dass das Licht variabel ist, wenn man den Tisch verschiebt und die Sitzsituation sich ver­ändert. Dafür gibt es Leuchten, die man nachführen kann, aber ich finde auch eine sogenannte „Affenschaukel“, also Kabel, die vom Stromauslass in der Decke genau mittig über den Tisch führen, immer noch besser, als Licht am falschen Fleck. Wich­tig ist: Schaff dir das Licht dahin, wo du es tatsächlich brauchst.

Große Menschen haben gerade bei Arbeits­platten immer wieder das Problem, dass sie sich selbst Schatten machen. Wie löst man das?

Man platziert die Leuchten nicht direkt über der Mitte der Arbeitsplatte, sondern ein Stückchen vor sich, näher zur Wand. Dann kommt es wieder auf die Leuchten an. Am besten sind welche, die man aus­richten kann. Wir haben sogar schon klas­sische Anglepoise-Leuchten an der Decke angebracht, sodass man sie herunterziehen und genau da positionieren kann, wo man sie gerade braucht. Denn am schlimmsten ist es, wenn ich keine Beleuchtung an der Arbeitsfläche habe, sondern nur das allgemeine Raumlicht, das dann von hinten kommt.

Was halten Sie von Licht unter den Küchenhängeschränken?

Eigentlich ist das natürlich extrem gut, aber man muss aufpassen, dass das Licht nach vorne hin ein bisschen abgeschot­tet ist. Sonst blendet es einen, wenn man am Tisch sitzt. Ich verwende dafür lineare Leuchten, die man ein bisschen kippen kann, damit sie nicht so stark in den Raum hineinstrahlen.

Woran merkt man, dass etwas am Licht nicht stimmt?

Man nimmt Licht unterbewusst wahr, weil es uns überall umgibt und wir es als Selbstverständlichkeit sehen. Aber vielen Menschen fällt zum Beispiel auf, wenn die Lichtfarbe nicht stimmt. Also wenn in einem Raum LEDs mit einem warm­weißen und einem kaltweißen Licht zusammen benutzt werden – dummer­weise merkt das nur der Hausmeister, der die eingesetzt hat, nie. LEDs gibt es ja in unterschiedlichen Farbtemperatu­ren von ganz warmen 2.000 oder 2.200 Kelvin über 2.700 Kelvin, die unseren früheren Glühbirnen entsprechen, bis zu 3.000 Kelvin, die sich für Büros eignen. Für ein Projekt auf Malta haben wir Leuchten mit 4.000 Kelvin entwi­ckelt. Es war ein Kundenwunsch, weil man schon weiter im Süden ist, das wirkt dann aber in Innenräumen schon ziemlich kühl. Tageslicht hat übrigens um die 10.000 Kelvin, das ist viel kühler, aber auch frischer.

Ich habe das Gefühl, dass es nicht nur um die Farbtemperatur geht, sondern auch um die Qualität der LEDs ...

Die LEDs, die wir heute überall benut­zen, sind einerseits tolle Leuchtmittel, weil sie auch sehr energieeffizient sind, aber wir achten teilweise nicht mehr so auf die Qualität des Lichtes. Die LED funktioniert so, dass sie eine kleine Leuchtschicht hat. Eigentlich produziert sie blaues Licht, das dann durch diese Leuchtschicht in weißes Licht umgewandelt wird. Nicht so hoch­qualitative LEDs senden direkt nach vorne ein weißes, zur Seite aber eher ein grün­liches Licht aus. Man muss also schon sehr auf die Qualität der LEDs achten, wenn man gutes Licht haben will. Auf jeden Fall ist die Farbwiedergabe besonders wichtig: Wie natürlich werden Farben wiederge­geben im Vergleich zum Tageslicht, aber auch zum Glühlampenlicht? Beides hat einen Farbwiedergabeindex von 100. Bei der Entwicklung der LED hat man zuerst überhaupt nicht darauf geachtet und hatte meist einen Farbwiedergabeindex von gera­de mal 80. Da sehen alle Farben matschig aus. Wir freuen uns über einen super­schönen Sonnenuntergang am Meer und vergessen dann ganz, dass wir in unserer Küche mit Licht, mit einem im Verhält­nis geringen Kostenaufwand, extrem viel Wirkung erzeugen können. Da hat man sich stundenlang Gedanken darüber gemacht, welche Farbe die Oberflächen der Schrän­ke, die Sitzpolster, der Fußboden haben, hat schönes Holz ausgesucht – und dann ist hinterher alles grau, weil man das fal­sche Licht im Baumarkt gekauft hat. Das ist dann die gerechte Strafe (lacht). Jetzt gibt es zum Glück immer mehr LEDs, die RA 90 haben. Im Museumsbereich versucht man, LEDs mit Index 99 einzusetzen. Alles, was zwischen 95 und 99 ist, ist schon sehr gut.

Wie erkennt man denn, welchen Farb­wiedergabeindex eine LED hat? Auf den Verpackungen stehen doch immer nur die Wattzahl und die Kelvin bzw. „warmweiß“ oder „kaltweiß“ drauf?

Da versteckt sich ganz klein immer noch der RA- oder CRI-Wert, das ist der Farbwiedergabeindex. Im Baumarkt finden Sie leider oft nur LEDs mit CRI 80.

Das Buch zum Licht

Ulrike Brandi hat beim legendären Gestalter Dieter Rams Industrial Design an der HFBK – der Hoch­schule für bildende Künste – in Hamburg studiert. Bis heute hat sie mit dem Team ihres Büros gegenüber der Hamburger Speicherstadt über 1.000 Projekte umgesetzt. Dazu gehören der Masterplan für das British Museum und für die neue Royal Academy of Music in London, das Muséum national d’Histoire naturelle in Paris, die Hamburger Elbphilhar­monie, das Terminal 2 des Münch­ner Flughafens, der Rotterdamer Zentralbahnhof, die Siegessäule in Berlin, das Lichtkonzept für den neuen ICE 4, aber auch zahlreiche private Häuser und Wohnungen – mitsamt ihren Küchen. 2012 gründete sie das Brandi Institute for Light and Design zur Aus­bildung professioneller Lichtplaner. Im vergangenen Jahr ist ihr Buch „Licht, Natur, Architektur – Ganz­heitliche Lichtplanung verstehen und anwenden“ im Birkhäuser Verlag erschienen.
 

Wie kommen wir zu besserem Licht in unseren Häusern und Wohnungen?

Frühzeitig drüber nachdenken. Es ist eine Tragik, dass das Licht oft gar nicht von Anfang an mitgeplant wird und die Beleuch­tung immer erst am Schluss angeschafft wird, wenn das Budget schon verbraucht ist. Ich glaube, man kann nur immer wieder darüber reden und vor allen Dingen die Bauherren ausprobieren lassen, wie sie sich eigentlich wohlfühlen. Dabei sollten Sie sich Fragen stellen wie: Blendet das? Blendet es, wenn ich stehe oder wenn ich sitze? Ist das wirklich eine Lichtfarbe, also Farbtempera­tur, die ich tagsüber und abends gut finde? Möchte ich dimmen? Die ganzen neuen Möglichkeiten der Lichtsteuerung übers Handy, die ja auch ein bisschen Spielzeug sind, bringen das Thema Licht wieder mehr ins Bewusstsein. Man kann auch einmal zwei verschiedene Lichtsituationen im Haus austesten. Dazu ein Tipp: Einfach mal eine Schreibtischleuchte mit einem Verlänge­rungskabel nehmen und das Licht gegen die Decke richten und dann nach unten. Das ist richtig gemütlich und toll. Es gibt kleinere Leuchten, die auf dem Fußboden stehen. Das macht wahnsinnig viel aus. Die be­kommen so ein eigenes Leben. Ich glaube, Gegensätze auszuprobieren, das könnte eine Wertschätzung für gutes Licht schaffen.

Interview: Peter Würth Photos: Majid Moussavi, HÄCKER KÜCHEN  Haare & Make-up: Eva Hennings

www.ulrike-brandi.de

 

Mehr zum Thema Licht erfahren Sie in unserem Video:

hklnk.de/im-rechten-licht

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