
Eine Vision von Eleganz und Technologie
Eines Tages, als ihre kleine Tochter vom Kita-Ausflug mit einem mundgeblasenen kleinen Glasobjekt nach Hause kam, stellte die Schweizer Designerin Simone Lüling mit Verwunderung fest, dass sie eifersüchtig auf das eigene kleine Kind war, das die Herstellung eines solch wundersamen, zarten Dings hatte miterleben dürfen. Weil Mütter nun einmal Mütter sind, gönnte Simone Lüling ihrer Tochter den Schatz natürlich. „Ich sagte mir, da muss etwas Tieferes dahinterstecken, wenn eine solch eigenartig starke Emotion hochkommt. Conclusio war, dass ich das auch machen will“, erzählt Lüling.
So beschloss sie, sich selbst mit dem Material Glas auseinanderzusetzen und seine Geheimnisse zu ergründen. Als dann noch ein Freund sie bat, für sein großes Berliner Loft mit offener Küche Leuchten zu entwerfen, die dem kargen Industrial Style etwas entgegensetzen, kam eines zum anderen und die Erfolgsgeschichte der Leuchten-Designerin Simone Lüling und ihrer Firma ELOA nahm ihren Anfang.
„Die Küche ist ein Ort der Sinnlichkeit, der Atmosphäre, ja des Lebens schlechthin. Mir ging es darum, dem einen adäquaten Ausdruck zu geben.“
Eine wolkige Idee
„Ich hatte für dieses kühle Ambiente von Anfang an die Vision einer schillernden Seifenblase“, erzählt Lüling. „Die Küche ist ein Ort der Kommunikation, der Sinnlichkeit, der Atmosphäre, der Menschlichkeit, des Zusammenseins, ja des Lebens schlechthin. Mir ging es darum, dem einen adäquaten Ausdruck zu geben und nicht nur eine technische Leuchte zu schaffen. Es gibt nichts Schlimmeres, als einfach ausgeleuchtet zu werden."
Dabei ahnte Lüling noch nicht, wie schwer die Umsetzung ihrer wolkigen Idee werden würde. „Über Jahre habe ich mich mit dem Glasbläser-Handwerk auseinandergesetzt und viel mit den Glasbläsern gesprochen. Ich habe verschiedene Glasbläser-Manufakturen ausprobiert. Aber es gibt nur noch wenige Glasbläser, die freie Formen blasen können.“
Jedes Objekt ist einzigartig
Genau das aber ist entscheidend für Lülings Entwürfe: Keine Leuchte ist exakt wie die andere, keine genauen Formen sind vorgegeben. Die Designerin gibt nur Circa-Maße vor, aber wirklich industriell reproduzierbar sind die Leuchten nicht. Für ihre Kunden, die häufig mehrere Leuchten bestellen, versucht sie aber eine gewisse erwartbare Einheitlichkeit zu produzieren – „sonst werde ich zur Galeristin“.
Design und Handwerk verschmelzen in Lülings Leuchten im wahrsten Sinne des Wortes und werden zu faszinierenden Objekten zwischen Kunst und Funktion. Die Glasbläser – Lüling fand ihre Meister schließlich im dritten Anlauf in Tschechien, genauer gesagt in Böhmen – müssen verstehen, was die Designerin will und es mit ihrer Handwerkskunst umsetzen. „Ich füttere sie mit Farben und Zeichnungen und manchmal unterstützend mit Hand und Fuß, damit die Unikate so kommen, wie ich sie mir vorstelle.“
Individuelle Perfektion
Bis heute ist Simone Lüling immer persönlich vor Ort, wenn bis zu zwei Teams gleichzeitig neue Leuchten blasen. „Gerade weil es so eine schwierige Arbeit ist, ist es so spannend“, sagt die Designerin. Vor Ort kann sie korrigieren und perfektionieren, die Meister bitten, eine Form noch einmal in den 1.200 Grad heißen Glasofen zu schieben, weil ihr etwas noch nicht perfekt genug ist – auch wenn die Handwerker davon nicht immer begeistert sind. „Meine Objekte sind sehr künstlerisch und ich nutze diese kurzen Momente im Prozess, um nochmal Einfluss zu nehmen.“
Dabei sind ihre Handwerker mehr als stolz, diese schillernden Kunstwerke zu erschaffen. Denn das kann selbst unter den böhmischen Spezialisten nicht jeder. „Das Schwierige daran ist das Freiblasen“, sagt Lüling, die höchsten Respekt vor der auch körperlich sehr schweren Arbeit der Glasbläser hat – spätestens, seitdem sie sich selbst einmal daran versucht hat. „Dabei habe ich mir fast den Arm abgebrannt, weil der Ofen so heiß ist.“ Aus einem großen, kompakten Tropfen geschmolzenen Glases zaubern die Artisten an der Glasmacherpfeife schwebend leichte Skulpturen.
Ein Leuchten von innen heraus
Es sind nicht nur die scheinbar schwerelosen, organischen Formen, die Lülings ELOA-Leuchten mit so vielsagenden Namen wie Planetoide, Sirius oder Starglow so einzigartig machen. Es ist auch der Umgang mit der Farbe, der Lüling bei ihren Lampen so wichtig ist. Sie schillern, sie strahlen, sie leuchten von innen heraus. „Es gibt nur wenige Glashersteller, die uns das Glas in den richtigen, differenzierten Farben liefern können“, sagt die heute in Berlin lebende Designerin. Nur mit dem richtigen Glas entsteht diese einmalige, vielschichtige Transparenz, die dafür sorgt, dass die ELOA-Leuchten sich ständig verändern und der Zauber wirkt, der in Simone Lülings Leuchten so strahlend hell verborgen ist.
„Ich füttere die Glasbläser mit Farben und Zeichnungen, damit die Unikate so kommen, wie ich sie mir vorstelle.“
Eine ganz spezielle Aura
„Mit der Hängung der Leuchten können wir Geschichten erzählen“, sagt Lüling. „Das ist sehr spannend, sehr intensiv und wird nie langweilig. Die Leuchten sind irisierend und vielschichtig, aber nie kitschig. Es kommt total darauf an, ob der Hintergrund hell oder dunkel ist, ob das Licht von innen oder außen kommt, ob es Nacht oder Tag ist – die Leuchten wirken immer wieder völlig anders, sie leben geradezu, werden für mich mitunter zu einer Art Wesensobjekt. Es ist ja ohnehin jede ein handgemachtes Unikat“, erzählt Simone Lüling. „Deswegen gebe ich den Leuchten oft einen eigenen Spitznamen wie ‚Zicke‘ oder ‚Schnüseli‘, vielleicht weil sie so einen kleinen Haken oder etwas anderes, sehr Persönliches, Intimes und eine gewisse Aura haben, die sich aus der Form, der Farbe, dem Material, dem Licht zusammensetzt. Und man glaubt kaum, wie dieses Menschliche bei den Leuten rund um die Welt, auch und gerade in härteren Zeiten, noch viel mehr zum Tragen kommt. Gerade in der Küche, wo es so sehr um das Menschsein, Beisammensein und um Existenzielles wie die Nahrungsaufnahme geht, finde ich, ist das ein echt schönes Momentum.“
Text: Peter Würth
Photos: © Photo: Martin Mueller, Styling: Nici Theuerkauf, © Eloa Atelier











