
Serie Comfort Food: Tarte Tatin
Quel Malheur!
Es sind die scheinbar einfachen Gerichte, die unsere Herzen wärmen, unsere Bäuche mit Genuss füllen und uns in ferne Welten wegträumen lassen. WORK erzählt von Comfort Food, bei dem uns das Wasser im Mund zusammenläuft. Dieses Mal geht es um die legendäre „Tarte Tatin“.
Ist schon einmal ein Kuchen mit einem eigenen Dokumentarfilm gewürdigt worden? Vermutlich nein. Und gibt es eine Torte, die eigene Botschafter hat? Auch das eher nicht. Allerdings hat vermutlich auch kaum ein Kuchen eine Geschichte wie die französische Tarte Tatin zu erzählen. Ihr hat der Dokumentarfilmer Xavier Gasselin einen 52-minütigen Film gewidmet. Unterstützung bekam er dabei von den regionalen Amateurhistorikern der „Groupe de Recherches Archéologiques et Historiques de Sologne“ („Grahs“) und den „Ambassadeurs de la Tarte Tatin“, den „Botschaftern der Tarte Tatin“.
Der glückliche Fehler
Wie alle guten Geschichten beginnt auch die der Tarte Tatin mit einer unerwarteten Wendung – was in diesem Fall wörtlich zu nehmen ist. Passiert ist der Legende nach vorüber 130 Jahren im beschaulichen Provinzstädtchen Lamotte-Beuvron in der Region Sologne, 140 Kilometer südlich von Paris, Folgendes: Die beiden Schwestern Caroline und Stéphanie Tatin hatten von ihrem Vater das kleine, aber feine, noch heute existierende Hotel Maison Tatin samt dazugehörigem Restaurant geerbt. Dort sagte sich eines Tages eine größere Jagdgesellschaft aus Paris zu einem opulenten Diner an, zu dem als Nachtisch die Hausspezialität, ein Apfelkuchen mit Karamellüberzug, serviert werden sollte.
Wie aus Unglück Glück wurde
Während Caroline sich dem Service widmete, stand Stéphanie, die jüngere der beiden Schwestern, in der Küche. Bei all der Aufregung und dem Stress mit den vielen Gästen vergaß sie, Teig in die Kuchenform zu tun und schob sie nur mit den Äpfeln in den Backofen. Als sie ihr Malheur bemerkte, beschloss sie, den Mürbeteig einfach oben auf die Äpfel zu geben, die Tarte so herum zu backen und erst zum Servieren zu stürzen.
Es entstand ein einzigartiger Kuchen, dessen prall-saftige Äpfel (am besten eine säuerliche Sorte) oben wunderbar karamellisiert waren, während der Boden nicht durchgeweicht war. Die Gäste waren von dem überraschenden Ergebnis so angetan, dass die Schwestern ihren Kuchen fortan immer auf dem Kopf backten.
Eine Weltberühmtheit
Die Tarte Tatin wurde spätestens zu einer Legende, als sie Maurice-Edmond Sailland entdeckte, der berühmteste Gourmet Frankreichs und Autor der 28 Bände umfassenden Enzyklopädie „La France gastronomique“. Als Groß-Gastrokritiker besser unter dem Namen Curnonsky bekannt, stellte er sie 1926 als „Tarte des demoiselles Tatin“ in Paris der Öffentlichkeit vor und machte sie damit weltweit bekannt.
Einen Wunsch hat Filmemacher Xavier Gasselin noch: „Das Originalrezept der Tarte Tatin zu finden, das von einer der beiden Schwestern handschriftlich unterschrieben wurde.“
Rezept: Sie möchten einmal selbst eine Tarte Tatin backen? Hier ist ein Rezept.
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Photos: © Sébastien Billon/onesebbillon, © Hilke Maunde/Alamy Stock Photo






