
Kolumne Kitchen Love
Freiheit am Lagerfeuer
Die ehrlichsten Gespräche werden am Küchentisch geführt. Da, wo alle gleich wichtig sind. Beobachtungen von Peter Würth.
In der Küche wird alles federleicht. Das Tratschen, das Witzeerzählen, das Sichverlieben, das Diskutieren, das Essen, das Trinken, ja sogar das Streiten. Das ganze Leben eigentlich. All das, was einem mitunter schwerfällt, wird am Küchentisch ganz selbstverständlich. Es ist, als seien alle Schranken gefallen, alle Unterschiede, alle Grenzen, jegliche Distanz. Am Küchentisch herrscht wahre Demokratie, echte Gleichberechtigung, jede und jeder darf sein, wie sie oder er es will – und ist es auch.
Ein Ort des Vertrauens
Gerade deswegen ist die Küche ein entscheidender Ort. Ein Ort, an dem Dinge ausgehandelt werden. Keine Konferenz, kein Meeting, keine Verhandlung sind wichtiger und zielführender. Kein Kabinett ist so effektiv und bedeutend wie das Küchenkabinett, das der amerikanische Präsident Andrew Jackson um 1830 etablierte, weil er seinem echten Kabinett nicht recht vertraute. Die Freiheit, alles offen und gleichzeitig vertraulich aussprechen zu können, führt zu neuen Ideen und realen, belastbaren Ergebnissen.
Beginn und Ende in der Küche
Aus den wilden Fantasien der Teilnehmer, denen der Alkohol die Zunge gelockert hat, erwachsen fantasievolle Projekte ebenso wie neue Allianzen, Freundschaften fürs Leben, Ehen oder Karrieren. Jede Party, jedes Fest beginnt und endet zwangsläufig in der Küche.
Am Lagerfeuer der Neuzeit versammeln sich alsdann die überbordend aufgedrehten Aktiven, die Melancholischen, die Beschwingten, die Sänger und Erzähler, die stillen Zuhörer, die Immer-noch-Hungrigen und die Ewig-Durstigen, die Unersättlichen, die, die nicht nach Hause wollen und die einfach Lebenshungrigen.
Auf zu neuen Ufern
Am Küchentisch, diesem nächtlichen Lumpensammler, werden sie glücklich und satt, trunken und fröhlich und selbst die, die dabei traurig werden, genießen es, dabei zu sein. Und wenn dabei ein paar Tränen wegen Verflossener fließen, sind die anderen da, um den Trauernden oder die Trauernde aufzufangen, einzubetten in eine warme Wolke des Mitfühlens und gegebenenfalls mit einem wohligen Schluck die Vergangenheit hinunterzuspülen und zu neuen Ufern aufzubrechen.
Am runden Tisch, da, wo das Leben so satt und prall ist, werden zu später Stunde Dinge und Beziehungen so offen verhandelt wie sonst nie, weil Hemmungen und Ängste sich eine unbeschwerte Zeit lang hinter Lebensfreude, Kreativität, Inspiration und Lust verstecken können.
Heute Nacht ist alles egal. Heute Nacht in der Küche wird gelebt, als ob es kein Morgen gäbe.
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